Highlands Leseprobe

Julia K. Rodeit

Liebesromane zum Davonträumen ...

Leseprobe

Kapitel  1


Ella holte tief Luft. Ihre Finger schwebten über der Tastatur ihres Laptops und plötzlich stellten sich die feinen Härchen auf ihrem Unterarm auf, obwohl es draußen angenehme zwanzig Grad hatte. Vorsichtig senkte sie ihre Hände, die Finger fanden ihre Position, und dann tippte sie langsam und genüsslich »Ende« unter ihr Manuskript. Selten hatte sich dieses Wort besser angefühlt.

Erst jetzt merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte. Einen Moment noch starrte sie auf den Bildschirm, dann lehnte sie sich mit einem erleichterten Seufzen zurück und schloss für einen Moment die Lider. Sie spürte ihre verspannte Rückenmuskulatur und den steifen Nacken und drehte probehalber den Kopf hin und her. Die mittlerweile ungewohnte Bewegung war schmerzhaft, tat aber gut. Sie atmete tief durch und öffnete die Augen, ehe sie sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht strich, die sich wieder einmal verselbstständigt hatte.

Feiern, war ihr einziger Gedanke. Sie musste das irgendwie feiern. Mit einem Glas Wein am Abend vielleicht. Aber allein? Das machte keinen Spaß. Entschlossen griff sie nach dem Telefon und wählte die Nummer ihrer Agentin, die gleichzeitig ihre Freundin war. Selina war sicher ebenso froh wie sie. Und zu einem Glas Wein musste sie nie überredet werden.

Doch zu Ellas Enttäuschung war der Anschluss besetzt. Dann musste sie eben warten. Sicher freute sich Selina auch über eine Mail. Mit einem liebevollen Lächeln betrachtete sie das eine Wort mit den vier Buchstaben, das sie noch nie so herbeigesehnt hatte wie diesmal, ehe sie das Dokument mit einem tiefen Gefühl der Erleichterung abspeicherte und anschließend doppelt sicherte. Sie wäre nicht die Erste, deren Schaffenskraft eines Tages oder mehrerer Wochen im Nirwana eines Computers verschwand.

Dann öffnete sie ihren E-Mail-Account und verfasste eine Mail an ihre Agentin. »Das müssen wir feiern!!!«, schrieb sie darunter. »Und zwar sofort! Also hör auf zu telefonieren!« Ella grinste, als sie sich Selinas Gesicht beim Lesen der Mail vorstellte, und hängte das Manuskript an. Ohne zu zögern, betätigte sie den Senden-Button. Nur weg damit und ja kein Blick zurück. Die Arbeit an diesem Buch war ein einziger Kampf gewesen.

Ein leises »Pling« verkündete eine neue Mail in ihrem elektronischen Postfach und verdutzt sah Ella auf. Hatte Selina ihr schon geantwortet?

Ihr schlechtes Gewissen wuchs, als sie die Anzahl der unbeantworteten Mails überflog, die sich in ihrem Postfach angesammelt hatte. Sie war in den letzten Wochen zu nichts gekommen. Morgens um acht Uhr hatte sie sich an den Schreibtisch gesetzt und den verflixten Computer erst abends ausgeschaltet. Oft hatte sie nachts noch einmal versucht zu arbeiten, wenn sie keinen Schlaf gefunden hatte. Und mit welchem Ergebnis? Dass sie dem Roman zwei oder drei Seiten hinzugefügt hatte, weil sie um Worte gerungen und Sätze umgestellt und verworfen hatte. Nur, um sie am Ende ganz anders zu formulieren.

Die Nachricht hatte einen ihr unbekannten Absender. Nach SPAM sah sie aber nicht aus. Neugierig klickte sie darauf und las in den folgenden Minuten mit zunehmendem Staunen.

»Hihi, das geht nicht«, lachte sie schließlich und schüttelte den Kopf, ehe sie die Mail wegklickte. Da fragte tatsächlich der Veranstalter einer Schreibakademie an, ob sie kurzfristig bereit wäre, für ein Seminar über kreatives Schreiben einzuspringen – als Ersatz für einen Dozenten, der mit Blinddarmdurchbruch im Krankenhaus lag.

Eigentlich wäre das für Ella kein Problem. Das war ihr täglich Brot gewesen, als sie noch keine Bestsellerautorin gewesen war. Sie hatte für Schreibinteressierte Kurse gegeben, um ihnen etwas über Figurenpsychologie, das Drei-Akt-Modell oder Spannungsaufbau zu erzählen.

Aber im Moment konnte sie sich weder vorstellen, etwas zu tun, das auch nur im Geringsten mit dem Thema Schreiben zu tun hatte, noch hatte sie Lust, nach Schottland auf eine zugige Burg zu fahren und den Rest des Frühlings in der Heimat zu verpassen.

Das Läuten des Telefons unterbrach ihre Gedankengänge.

»Na, endlich!«, war das Erste, das Selina sagte, als Ella das Gespräch angenommen hatte. »Herzlichen Glückwunsch.«

»Das müssen wir feiern. Unbedingt!«, sprudelte Ella heraus. »Wir treffen uns im Café am Jungfernstieg. In einer Stunde.«

»Moment«, bremste ihre Agentin. »Ich kann doch nicht alles stehen und liegen lassen.«

»Oh doch, das kannst du. Wir feiern das gemeinsam. Hast du eine Ahnung, wie hart die letzten Wochen waren?«

»Du hast es mir nur beinahe jeden zweiten Tag unter die Nase gerieben«, gab Selina trocken zurück.

»Tut mir leid.« Ella war ehrlich zerknirscht.

»Ist nicht schlimm. Dazu sind Freundinnen da. Und Agentinnen auch.«

»Dann kommst du also?«

»Ich schaffe es vielleicht nicht ganz pünktlich. Aber in eineinhalb Stunden müsste ich da sein.«

»Fein, ich freue mich!«

Ella legte auf und schloss den Deckel des Laptops mit einem Seufzer der Erleichterung, der sicher noch zwei Straßen weiter zu hören war.


Copyright 2019 Katrin Rodeit